Einblick bei ADI Negev - Tag1
- dvogel82
- vor 1 Tag
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Am Sonntag 17. Mai machte ich mich um 8 Uhr auf den Weg zum Bahnhof, um meine Reise in den Süden anzutreten. Mein Zug fuhr um 9:09 Uhr in Jerusalem ab und es war die richtige Entscheidung, eine gute Stunde vorher aufzubrechen, weil der Bus im morgendlichen Verkehrschaos der Stadt Jerusalem zwischenzeitlich kaum vom Fleck kam. Bei der Haltestelle Ben Jehuda (Fussgängerzone in der Innenstadt) ging es dann gar nicht mehr weiter, aber Gott sei Dank ist es von dort nicht weit zur Tramhaltestelle und das Tram hat ja zum Glück freie Fahrt. So kam ich noch rechtzeitig am Bahnhof an. Mit Nylonstrümpfen und Wolljacke hatte ich mich gegen die "klirrende" Kälte im Zug gewappnet - die übertreiben masslos mit der Kühlung der Waggons. In Tel Aviv musste ich umsteigen und hatte Glück: wir kamen mit einigen Minuten Verspätung an, aber der Anschlusszug hatte auf uns gewartet. Als ich in Ofakim aus dem Zug stieg, erschlug mich die Hitze fast und ich entledigte mich schnellstens der Strümpfe und Jacke.
Yaakov, meine Kontaktperson bei ADI (Dina's Nachfolger), holte mich am Bahnhof ab und wir fuhren zu einem Supermarkt, wo ich mich mit allem nötigen fürs Frühstück und Knabbersachen für zwischendurch eindecken konnte - auf Kosten von ADI. Fürs Mittag- und Abendessen bekam ich Cafeteriagutscheine.

Dann ging es weiter zum "Beit HaYozer", was man vielleicht am ehesten mit "Haus der Kreativität" übersetzen könnte. Beit HaYozer ist eine gemeinsame Initiative von ADI Negev, dem Gesundheitsministerium, dem Sozialministerium und der Stadtverwaltung von Ofakim und bietet über 75 Menschen mit unterschiedlich ausgeprägten Beeinträchtigungen einen geschützten Arbeitsplatz. Ihre Aufgaben umfassen unter anderem die Gestaltung von marktfähigem Kunsthandwerk (welches in der ADI Online - Boutique gekauft werden kann), landwirtschaftliche Projekte, den Betrieb eines Cafés, sowie industrielle Sortier- und Verpackungsarbeiten. Die Mitarbeitenden erhalten eine kleine finanzielle Entschädigung und werden ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert und ausgebildet. Das Projekt basiert auf der Überzeugung, dass jeder Mensch ein erfülltes Leben verdient, geprägt von persönlicher Zufriedenheit, sinnvoller Tätigkeit und grösstmöglicher Unabhängigkeit. Es war sehr berührend für mich, wie mir die Mitarbeitenden in der Abteilung, welche Aufträge für externe Firmen bearbeitet (ähnlich wie z.B. die GEWA in der Schweiz), erklärten wie man eine Steckdose zusammenbaut. Sie taten dies mit Stolz, Begeisterung und grossem Verantwortungsbewusstsein.
Nun ging es weiter zum ca. 10 Autominuten entfernten ADI -Dorf, wo ich eine erste Führung von Yaakov bekam. Wenn man durch das Tor fährt, betritt man eine andere Welt. Alles ist gepflegt, einladend, grün und bunt, freundliche, offene Menschen heissen einen willkommen - es ist nach meiner Erfahrung dieser drei Tage keine Übertreibung, dass ADI Negev "das Juwel des Südens" genannt wird!
ADI Negev Nahalat Eran feierte letztes Jahr das 20 jährige Bestehen. Was mit einem einzigen Haus klein angefangen hatte, ist in diesen zwei Jahrzehnten zu einem Dorf herangewachsen, welches fast 170 Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen, verteilt auf verschiedene Wohngruppen, ein Zuhause bietet. Um die 160 Kinder und Jugendliche werden in der Sonderschule unterrichtet und gefördert. Es gibt einen integrativen Kindergarten, der von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen besucht wird. Dahinter steckt der Gedanke und die Hoffnung, dass diese Kinder ohne Beeinträchtigungen die nächste Generation von Verantwortungsträgern und Politikern des Landes sein werden, für die dann Inklusion und Integration normal sind und sie sich deshalb in Gesellschaft und Politik dafür einsetzen werden.
Ausserdem befindet sich die einzige hochspezialisierte Rehabilitationsklinik im Südens Israels im Dorf und wird von ADI betrieben. Diese besteht aus drei Bettenstationen: Neurologische Reha, Orthopädische Reha, Geriatrische Reha (für ältere Menschen z.B. nach einem Schlaganfall). Die vierte Abteilung ist die Ambulante Reha, welche Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und eine Spezialwerkstatt für die Herstellung von Prothesen beinhaltet. Auch Psychologen und Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die seelische Gesundheit und soziale Probleme der Patienten und ihrer Angehörigen.
Auf den Bettenstationen gibt es ausserdem Angebote wie Kunst- und Musiktherapie und die Angehörigen der Reha Patienten werden sehr stark in den Genesungs- und Wiederherstellungsprozess miteinbezogen. Es steht ein Fahrsimulator zur Verfügung, um das Autofahren unter den neuen Bedingungen wieder zu erlernen. Eine "Übungswohnung" und eine "Supermarktatrappe" helfen dabei, Alltagstätigkeiten zu üben und abzuklären, welche baulichen Anpassungen und Hilfsmittel zuhause nötig sein werden.
Auch mit den beeinträchtigten Bewohnenden des Dorfes arbeiten neben Pädagoginnen auch Physio- und Ergotherapeuten und Logopädinnen und sie profitieren von diversen Angeboten mit Kunst, Musik und Tanz.
Draussen gibt es einen "sensorischen Garten", eine Art Parkour mit diversen Untergrundmaterialien, einen Musikgarten in dem verschiedene Klänge erzeugt werden können, einen kleinen Zoo mit Ziegen, Schildkröten, Hasen, Vögeln und einen Pferdestall mit Reitanlage. Die tiergestützte Therapie wird auch in den Traumatherapiegruppen (Das permanente Projekt 2 "PP2" auf der Webseite unter dem Punkt "Unterstützen/Projekte") angewendet und es sind erstaunliche Erfolge zu verzeichnen.

Ein ca. 7-jähriges Mädchen hatte nach dem 7. Oktober 2023 kein Wort mehr gesprochen, ihre Kinderseele war zutiefst traumatisiert von den Gräueln, die sie hatte miterleben müssen. Einige Monate später begann sie im Rahmen der "Resiliance"(=Wiederstandsfähigkeit) Therapiegruppen bei ADI mit der Reittherapie. Das Reiten schien ihr zu gefallen und plötzlich stiess sie einen Jubelschrei aus und rief: "Was muss ich tun damit das Pferd schneller läuft?" Alle Beteiligten hatten Tränen in den Augen und die Familie schöpfte neue Hoffnung, dass der Heilungsprozess vorangehen würde.
Auch ein kleiner Landwirtschaftsbetrieb befindet sich auf dem Gelände. Dort arbeiten beeinträchtigte Menschen unter Anleitung von Fachleuten zusammen mit Volontären. Es werden Gemüse und Kräuter angebaut, die Kräuter werden getrocknet, abgepackt und in Geschäften in der Gegend verkauft. Das Team ist auch für den Unterhalt der Grünflächen und die Pflege der Blumen im Dorf verantwortlich.
Auf unserem Rundgang durfte ich eine Rollstuhl-Schaukel ausprobieren - ich wusste bisher gar nicht, dass es das gibt! Für diejenigen, die ihre Arme gebrauchen können, gibt es ein Seil, mit dem sie selbständig schaukeln können. Eine besondere Erfahrung.
Danach durfte ich meine schöne Gästewohnung im "Mitarbeiter Quartier" (einige der rund 850 Mitarbeitenden mit ihren Familien und viele Volontäre wohnen im Dorf) beziehen und mich bis zum nächsten Programmpunkt ein wenig ausruhen. Es hat einen Spielplatz mitten im Quartier, viel Grün und ich hatte Besuch auf der Terrasse, der sich aber sofort aus dem Staub machte, als ich die Terrassentür öffnete.
Um 16 Uhr brachte mich Yaakov in den Speisesaal der Geriatrischen Reha Abteilung, wo ich bei der Kunsttherapie mithelfen durfte. Die Therapeutin, Runi, ist eine sehr fröhliche, feinfühlige Künstlerin (sie malt), die mir erklärte, dass die Patienten oft vorallem reden und in Gesellschaft sein wollen. Sie hat Papier, Bleistifte, Wasserfarben, Pinsel und viele laminierte Vorlagen von Gemälden, Fotos und Zeichnungen dabei und die Patienten können abzeichnen, frei zeichnen und kolorieren, ganz wie sie es möchten und können. Ganz beiläufig erkundigte sie sich nach Sorgen und Nöten oder nach Familie und Vergangenheit der Patienten. Ab und zu kamen Pflegefachleute um Blutdruck, Puls und Temperatur zu messen oder Medikamente zu verabreichen.
Im Verlauf des Nachmittags kamen immer mehr Angehörige zu Besuch, die sich teilweise mit ihren Eltern oder Groseltern zusammen kreativ betätigten. Ich brachte Papier und Bildvorlagen an die Tische und unterhielt mich mit Patienten, die nicht malen wollten. Ein fast 90-jähriger Mann (was man ihm jedoch nicht ansah, unter anderem weil er ein buntes Mickey Mouse T-Shirt trug, das ihm ein Enkel geschenkt hatte) erzählte mir seine Lebensgeschichte und im Gespräch mit einem anderen stellte sich heraus, dass eine seiner Töchter in der Nähe von Bern lebt. Ein alter, schmächtiger Rabbi im Rollstuhl war ganz in seine Bleistiftzeichnung vertieft und liess sich schlussendlich von Runi dazu überreden, diese mit Wasserfarben zu kolorieren, wobei seine Augen leuchteten. Eine schon etwas demente Frau bekam Besuch von ihrem Enkel, der ihr hingebungsvoll half, ihr ehemaliges Wohnhaus im Kibbuz zu zeichnen und auszumalen. Andere schauten einfach bei dem bunten Treiben zu oder unterhielten sich mit ihren Angehörigen. Es wirkte nicht wie eine "Therapiestunde" sondern wie ein ganz natürlicher Gemeinschaftsanlass, wo die unterschiedlichsten Menschen (auch einige kleine Urenkel) miteinander in Kontakt und ins Gespräch kamen.
Als Krönung des Nachmittags kam noch der Musiktherapeut und sang einige Lieder mit uns.
Später holte ich mir etwas zum Nachtessen aus der Cafeteria, duschte, ass und ging dann sehr müde, aber erfüllt, glücklich und dankbar früh ins Bett, denn am nächsten Morgen würde es um 7:45 Uhr wieder losgehen - aber dazu mehr im nächsten Beitrag.
























































































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