top of page

Interview von August 2026 mit Shlomit Grayevsky

5. Aug. 2026

Das Büro von Shlomit ist gleich links neben dem Haupteingang vom ADI Center in Jerusalem - jeder, der das Gebäude betritt, geht daran vorbei. Dabei fällt einem auf, dass die Türe fast immer weit offen steht, wenn Shlomit im Büro ist. Sie ist nur geschlossen, wenn sie im Haus unterwegs ist oder eine Besprechung hat. Shlomit schenkt jedem, der vorbeigeht ein Lächeln und Winken (sogar wenn sie am telefonieren ist) oder ruft den Vorbeigehenden einen persönlichen Gruss zu. Als ich im Februar 2023 meinen ersten Arbeitstag als Volontärin hatte, wurde ich von ihr herzlich begrüsst und jedesmal, wenn ich bei ADI vorbeischaue oder mitarbeite, nimmt sie sich Zeit für ein paar persönliche Worte. Sie ist die Chefin von der wohl viele träumen: kompetent, professionell, zugewandt, nahbar und voller Leidenschaft und Begeisterung für ihre Arbeit.


Wie lange arbeitest du schon bei ADI und was ist deine Funktion?

Ich bin seit 1997 Geschäftsführerin von ADI Jerusalem.




Was gefällt dir besonders bei deiner Arbeit?

Es gibt vieles, was ich an meiner Arbeit liebe:

Die Vorstellung, Teil so vieler Familien in schwierigen Lebenslagen zu werden und gemeinsam mit ihnen Veränderungen zu bewirken und neue Abläufe für das Familiensystem zu entwickeln.

Man ist Teil eines Prozesses, der die israelische Politik und die Einstellung der Gesellschaft im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen verändert. 

Man verändert Leben und die Art und Weise, wie Menschen über Behinderung denken.

Man sieht, dass man tatsächlich etwas bewirken kann, dass man Menschen hilft, trotz ihrer Schwierigkeiten ein erfüllteres Leben zu führen.


Was findest du besonders herausfordernd in deiner Arbeit?

Die Herausforderungen sind vielfältig…

Zunächst einmal, wie man persönlich mit allem, was man erlebt umgeht und fertig wird:

Man begegnet Menschen, die mit grossen Herausforderungen konfrontiert sind und identifiziert sich mit ihnen und ihren Schwierigkeiten.

Es ist sehr schwer, damit umzugehen, wenn man Kinder sieht, die gesund hätten sein können, oder Jugendliche, die ein anderes Leben hätten führen können und sieht, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Das ist persönlich sehr belastend. 

Und auch dass nicht alles so klappt, wie man es sich wünscht. Man denkt, man plant, meint alles zu wissen, man glaubt, etwas erreicht zu haben, aber dann läuft es eben nicht immer wie erwartet und erhofft. 

Man sieht Probleme, die auftauchen und weiss, dass man sie nicht alle lösen kann.

Dann ist da die Herausforderung, oft nicht genügend Personal zu haben, oder der Finanzbedarf für teure Hilfsmittel und all die anderen Kosten, die nicht durch die staatlichen Beiträge gedeckt werden.


Gibt es ein Erlebnis, dass du nie mehr vergessen wirst?

Da gäbe es viele...

Ich möchte zwei Kinder erwähnen:

Ein kleines Mädchen, das aus dem Ausland kam. Man sah, wie verzweifelt die Familie war, weil sie nicht wusste, wie sie mit den ganzen Problemen und ihren Auswirkungen auf die Familie umgehen sollte. Und nachdem sie einige Monate bei uns war, realisierten wir, dass es so war, als hätten wir das Kind zu seiner Familie zurückgebracht. Es war nicht so, dass sie ihr Kind zu uns abgeschoben hatten, sie konnten einfach nicht mit der Situation umgehen. Indem wir Ihre Partner in der Behandlung und auf ihrem Weg der Bewältigung der komplexen Situation wurden, konnte das Mädchen wieder in ihre Familie integriert werden und gehörte wieder ganz dazu.

Ein anderes Kind, an das ich mich sehr gut erinnere, kam als fünf Monate altes Baby von der Kinderintensivstation eines Spitals zu uns. Der Arzt, der ihn überwiesen hatte, sagte, er habe sein Gehirn gesehen und wir sollten keine großen Erwartungen an ihn haben. Auch er ist das Kind einer Familie, er hat Geschwister und ein junges Elternpaar, das mit dieser Situation völlig überfordert war. Es dauerte zwei Jahre, bis wir erste Fortschritte sahen. Er begann zu schlucken, er begann selbstständig zu essen, und wir halfen der Familie, ihn nach Hause zu nehmen. Für die Eltern wurde seine Pflege und Betreuung immer einfacher und selbstverständlicher. Dann begann er zu lächeln, auf seine Familie zu reagieren und mit ihnen zu interagieren.

Wir wissen, dass keines von ihnen jemals vollständig gesund sein wird, keines ein "normales" Leben führen kann, sie werden nicht heiraten, nicht studieren oder Ähnliches. Aber sie können eine bessere Lebensqualität bekommen und die ganze Familie positiv beeinflussen, denn ihr Kind mit Behinderung gehört zu ihnen und wird immer ein Teil von ihnen sein.



Kontakt:

Schweizer Freundesverein für ADI Israel

Kanalweg 5

CH - 3125 Toffen BE

ch-freunde_adi@hotmail.com

bottom of page